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28.03.22 Berlin Kanzleramt

Gestern 28.03.22 Berlin durfte ich diese worte in Kanzleramt sagen:
Vielen Dank, dass ich hier sprechen darf. Ich tue das im Namen all der ukrainischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die heute nicht hier sprechen können, weil sie Ihr Land, ihr Leben, Ihre und unsere Freiheit verteidigen. Ja, auch unsere hier.
Francis Fukuyama schreibt in der letzten Woche, dass ein Sieg der Ukraine über die russische Armee nicht nur den Imperialismus Putins stoppen würde, sondern den Glauben an die liberalen Demokratien wieder stärken würde, die durch Putin, Erdogan, Bolsonaro, Trump und co. unter Druck geraten sind.
"Was macht denn die Ukraine aus?" "Sind Ukrainer anders als Russen?" "Ist Ukrainisch eine eigene Sprache?" Immer wenn ich in den letzten Jahren müde wurde, diese Fragen zu beantworten, sprang mein deutscher Mann für mich in den Ring: "Die Ukraine ist die geilste Demokratie im post-Sowjetischen Raum!" und "Sie ist das spannendste Nation-Buildingprojekt, das Europa je hatte: Die Ukraine ist multi-national, multi-lingual, und multi-religiös.“ Sie sei eigentlich Europa par exellence: Einheit in der Vielfalt. „Wir müssen sie endlich eigenständig, und unabhängig von Russland denken. Post-kolonial eben." So sagt er.
Gestern gab es in Berlin zwei Veranstaltungen zur Ukraine: Im jüdischen Museum haben jüdische MusikerInnen aus Deutschland und der Ukraine eine Perspektive entwickelt, die sich aus der Erfahrung des Terrors der Shoah ableitet. Zur gleichen Zeit musizierten unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue ein russischer Dirigent, ein russischer Pianist und ein russischer Bariton russische Komponisten, im Beisein von Ehrengästen und Fernseh-Teams. Das Feigenblatt dieser Veranstaltung bildeten zwei Werke des ukrainischen Komponisten Walentyn Sylvestrow, während russische Bomber ukrainische Städte und Zivilisten bombardierten. Wie viel Zynismus und Bigotterie müssen wir noch ertragen?
Ja, wir haben auch ein Recht auf Forderungen, nicht nur auf Mitleid. Wir wurden in unserer Geschichte schon zu oft zum Objekt degradiert. Diese Zeit ist jetzt vorbei.
Ich zitiere Serhij Zhadan: „Dieser Krieg soll uns vernichten. Im Falle einer Niederlage, verlieren wir nicht nur Teile unseres Territoriums, wir verlieren unsere Zukunft, wir verlieren uns selbst.“
Wenn Sie die Menschen in der Ukraine fragen, wie man ihnen helfen kann, dann antworten sie wie aus einem Mund: "Helft uns dabei, dass wir uns verteidigen können."
Nach einem Solidaritäts-Konzert habe ich ein Paket von einer deutschen Familie erhalten, mit Nachtsichtgeräte und Tarnkleidung. Und einen Brief:
"Wir hoffen sehr, dass unsere Politiker endlich die Energieimporte aus Russland stoppen. Was bringen all die Sanktionen, wenn wir weiterhin jeden Tag Millionen Euro an Putin zahlen? Und ich zahle gerne auch 3 Euro fur den Liter Diesel, wenn ich dadurch nur ein einziges ukrainische Kind retten kann. Ausserdem hoffen wir, dass die Nato sich bald zur Einrichtung einer Flugverbotzone durchringt. Natürlich haben wir große Angst, dass dadurch alles eskaliert und es zu einem Atomkrieg kommt und die ganze Welt untergeht.
Aber wir können doch nicht so einer Verbrecher wie Putin davonkommen lassen, nur weil er mit der Atombombe droht.
Wenn die Welt unter geht, weil wir der Ukraine helfen, dass soll es halt so sein!
28.03.22 Berlin
Mariana Sadovska
Kateryna Babkina
„Der gestiefelte Kater“
Das sind meine Felder, meine Gärten.
Meine Burgen, meine Weiten,
meine Weiden an den Wassern,
meine Fische in den Buchten.
An den Trassen die Äpfel und Pflaumen,
Hopfen, der grünt, die reifenden Trauben,
alles ist mein: die Igel im Kraut
die Schnitter fluchend im Korn.
Mein ist der Sternenstaub und der Staub in den Gräbern,
der Wunder sieben und vierzig, Atomkraft und Hydroturbinen,
Rauch von Weihrauch und brennenden Wäldern,
und die Nebel schwebend über Flüssen und Seen.
Mir gehören die Hänger und Mähmaschinen,
der saure Fabriksschweiß, das Fieber zur Ernte.
Dämmerlicht senkt sich auf meine Höfe
und meine Weiber stimmen dort Lieder an.
Meine Grenzen sind das, meine Junkies,
meine Fusel und meine Schnäpse
und meine Söhne in den Bäuchen,
schwimmend in Träumen von Emigration.
Es sind meine Begeisteten, die täglich
begeistert preisen den Namen des Herrn.
Das ist mein Land. Und der ganze Scheißdreck
in diesem Land gehört ebenfalls ganz allein mir.
Was willst du von mir, du harte Welt?
Was machst du mich klein?
Ich bin doch auch eine feste Burg, eine fette Beute,
und mein listiges Herz gab ich dir.
Lockere die Faust, auf den Dingen von Himmel und Erde
ändre die Weisung und Richtung.
Wo, ach wo verbirgst du die, die einfach nur so
und ohne das alles mich nimmt.
aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten
2014
Kateryna Babkina 1985 in der Ukraine geboren. Sie studierte Internationale Journalistin in Kyiv und arbeitet seither als freie Journalistin. Sie schrieb Kolumnen u.a. Die Zeitung Le Monde und das Magazin Focus
Катерина Бабкіна
Це мої поля і мої сади.
Це мої фортеці у далині.
Мої пасовиська біля води,
І мої рибини на мілині.
При дорозі яблуні і айва,
Зеленіє хміль, зріє виноград –
Все моє: трава, у траві мишва,
А над нею мат польових бригад.
Мій Чумацький шлях, і в могилах прах,
Сорок сім чудес, всі АЕС і ГЕС,
Дим вогнів в лісах і кадил в церквах,т
І туман увесь із озер і плес.
Це мої комбайни і трактори,
І заводів дим, й лихоманка жнив.
Сутінки зійдуть на мої двори,
І мої жінки заведуть там спів.
Це мої кордони і наркота,
Це мої наливки і самогон,
Це мої сини в теплих животах
Достигають в мріях про закордон.
Мої божевільні від дня до дня
Восхваляють Господове ім’я.
Це моя країна. І вся хуйня
В цій країні також лише моя.
То ж чого ти хочеш, безжальний світ?
Що ж мене висмоктуєш у журбі?
Я і певний брід, і смачний обід,
І жінок, і рибу віддав тобі.
Розтисни кулак, напрямок чи знак
Поміняй на все неземне й земне –
Де ховаєш ту, котра просто так,
Без мого усього прийме мене.
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